Nachdem der erste Gastbeitrag von der lieben Sophie so gut bei euch angekommen ist, gibt es heute gleich Nachschub. Als sie mir diesen Text vor einiger Zeit geschickt hat, habe ich mich in jedem ihrer Worte wiedererkannt und er hat mir wirklich sehr geholfen – ich muss gestehen, ich habe ihn nicht nur einmal gelesen.

Ihr kennt das sicher alle – der Moment, wenn dich ein Ereignis komplett fassungslos zurücklässt und dich gefühlsmäßig in die Tiefe reißt. Wenn du glaubst, nichts geht mehr und dich fast sprachlos zurücklässt. Du fragst dich nur noch, wie das passieren konnte und was du hättest anders machen können. Das ist der Tag, an dem alles gerade eben zusammengebrochen ist und du es noch nicht einmal ganz realisierst. Du glaubst, es geht nichts mehr.

Aber so sehr man sich dann auch Stillstand wünschen möchte, man kann die Geschichte nicht aufhalten. Jede Veränderung birgt Gefahren, das Ungewisse und das kann auch ganz schön beängstigend sein. Aber auch dann gibt es noch immer diesen einen Tag – und zwar den Tag danach. Und über den schreibt fast niemand. Die Meisten schreiben über den Tag, an dem die Zerstörung stattgefunden hat, als ihnen quasi der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Aber das bedeutet auch, dass man angefangen hat zu fallen – und das muss ja irgendwann ein Ende haben. Bis man eben Rock Bottom erreicht hat. Und da fängt er dann an, der Tag nach der Katastrophe.

Es wird immer einen Tag danach geben, auch nach schönen Ereignissen.

Der “Tag danach” muss nicht immer etwas Schlechtes sein. Zum Einen, weil es ihn auch nach schönen Ereignissen gibt und zum Anderen, weil er vielleicht schlussendlich doch etwas positives hatte. Manchmal ist der Tag danach beides – tragisch und schön. Mir ging es zumindest so, als ich eine Nachricht erhalten habe, die mich gleichzeitig wie ein Bus überrollt hat und dabei genauso befreiend war. Ist Platz für beide Emotionen in unserer Brust zur selben Zeit? Kann ich vor Glück im siebten Himmel schweben und vor „Pech“ aus allen Wolken fallen?

Es geht, aber dann fühlt es sich komisch an. Wenn etwas Trauriges passiert und man dadurch realisiert, wie glücklich man sich eigentlich schätzen kann. Wenn man Glück im Unglück hatte und beispielsweise eine Krankheit durch Zufall entdeckt wurde, aber durch die Früherkennung Heilungschancen bestehen. Das macht das Leid bis zu einem gewissen Grad weniger tragisch. Man schwebt natürlich nicht im siebten Himmel, aber wie ihr seht, versuche ich überall das Positive zu sehen. Auch wenn man in einer Situation oder „Beziehung“ (nicht nur Liebesbeziehung) unglücklich war und es nicht geschafft hat, sich zu trennen und einem dann die Entscheidung aus der Hand genommen wurde. Und plötzlich fällt einem eine große Last von den Schultern, die man fast nicht mehr tragen oder ertragen wollte.

Man ist schließlich trotzdem traurig, dass es vorbei ist, aber weiß, dass es der bessere Schritt war. Manchmal realisiert man das auch erst im Nachhinein. Aber es wäre dennoch schöner gewesen, selbst diese Entscheidung zu treffen. So fühlt man sich vor den Kopf gestoßen. Und versteht nicht, warum man zuvor nicht den Mut aufgebracht hat und es so weit kommen musste, dass jemand oder etwas anderes die Entscheidung treffen musste.

Heute ist der Tag danach.

Genau als ich diesen Text geschrieben hatte, war ich gerade mittendrin – im Tag danach. Ich hatte schon viele „Tage danach“. Der Tag, nachdem ich dachte meinen ersten Freund zu haben und der Tag, nachdem ich realisiert habe, dass dem nicht so ist. Der Tag, nachdem ich eine schlechte Note hatte und der Tag, nachdem ich die Klasse trotzdem bestanden habe. Der Tag, nachdem mich ein Lehrer am Kicker hatte und ständig loswerden wollte und der Tag, nachdem ich mit meinem Maturazeugnis vor dieser Person stand. Der Tag, nachdem ich mit dem Studium angefangen habe, voller Freude und Selbstzweifel, ob ich das Richtige gewählt habe und der Tag, nachdem ich das Studium abgeschlossen – und es zum Schluss geliebt habe.

Der Tag, nachdem ich einen neuen Job angefangen habe und voller Zweifel war, ob ich nicht doch den anderen hätte nehmen sollen. Der Tag, nachdem ich in diesem Job plötzlich richtig glücklich war und voller Zuversicht in die Zukunft geschaut habe. Der Tag, nachdem jemand etwas für mich beendet hat, weil ich nicht zuvor den Stecker gezogen habe und nach Antworten und Erklärungen suche. Ich aber gleichzeitig das Gefühl habe, endlich frei zu sein.

Dieser Tag danach ist noch immer mies.

Aber er ist gesänftigter als der gestrige. Er ist ruhig, nachdenklich und weniger traurig oder weinerlich. Er ist eher voller Realismus und Klarheit. Aber er ist dennoch nicht schön. Es ist wie nach einem Sturm, wenn alles in Trümmern liegt und du zum ersten Mal einen nüchternen Blick auf die Zerstörung wirfst und dich bückst, um das erste Stück aufzuheben und beschließt „na dann gehen wirs mal an.“

Der Schock, der erschreckende Moment, wenn alles vor deinen Augen zusammenbricht, oder du das erste Mal das Ausmaß der Zerstörung siehst, führt da mehr zur absoluten Fassungslosigkeit. Man muss sich diesem Moment auch ein bisschen hingeben. Er ist notwendig um damit abschließen und dann in Ruhe mit dem Aufräumprozess starten zu können.

Der Tag danach ist vielleicht nicht unbedingt der Tag, an dem nichts mehr von dem vorangegangen Sturm und seiner Zerstörung sichtbar ist, aber es ist der Tag, an dem der erste Schritt getan wurde, um wieder etwas Neues zu beginnen.